"Eine ganz normale Familie"

"Wir hatten kein grundverschiedenes Auftreten, keinen grundverschiedenen Lebenswandel, kein grundverschiedenes Aussehen, keine ungewöhnlichen Eigenschaften! Hatten keine Hakennasen! Keine Plattfüße!"

Für diesen Inhalt wird der Adobe ® Flash-Player benötigt

Um diese Seite im vollen Umfang nutzen zu können, muss JavaScript aktiviert und der kostenlose Adobe ® Flash-Player ab Version 10 installiert sein.


Flash-Player herunterladen

Joseph Chotzen, genannt Eppi, beschreibt seine Eltern und Brüder in seinen Erinnerungen als eine ganz normale Berliner Familie. Vater Josef und Mutter Elsa führen ein Wäschegeschäft. Um Josef heiraten zu können, hat die katholische Elsa 1914 zum Judentum übertreten müssen, doch danach spielt Religion in der Familie nie eine besondere Rolle.

Unbeschwerte Jugend

Die vier Söhne - Eppi, geboren 1907, Hugo-Kurt, genannt Bubi (1915), Erich (1917) und Ullrich (1920) - wachsen unbeschwert im bürgerlichen Wilmersdorf auf. Sie sind begeisterte Sportler, spielen Hockey, Hand- und Fußball im Verein.
Ulli, Erich, Bubi und Eppi (von unten rechts nach oben links) am Fenster ihrer Wohnung
Eppi kann sich an keine Besonderheiten im Umgang mit den Nachbarn erinnern; die Familie Chotzen ist bekannt und geschätzt. Und doch überleben von den neun Familienmitgliedern des Jahres 1941 nur drei die Verfolgungen durch die Nationalsozialisten: Eppi, Ullis Frau Ruth und die von den Nazis als "arisch" eingestufte Mutter Elsa. Diese bewahrt über die Jahre jede Erinnerung, jedes Lebenszeichen ihrer Kinder auf, wodurch unschätzbare Zeugnisse dieses Familienschicksals erhalten geblieben sind. Unzählige Alben der fotografiebegeisterten Söhne zeigen den Berliner Alltag der 1920er Jahre, in denen Eppi als Kaufmann in die Lehre geht und sich in Gewerkschaften engagiert, die Brüder die Schulbank drücken und den Sportplatz zu "einer Dependance [ihrer] Wohnung" machen.

Ausgrenzung und Schikanen

1933 beginnt die Diskriminierung und Ausgrenzung "der Juden": Die Chotzens müssen ihren Sportverein verlassen. Vater Josef, Eppi und Bubi verlieren ihre Arbeit, Erich und Ulli dürfen nicht studieren. Mutter Elsa muss mit besonderen Lebensmittelkarten zu besonderen Zeiten einkaufen. Jeden Tag gibt es neue Schikanen, wird die Familie weiter ausgegrenzt. Die Brüder dokumentieren in ihren Fotos ihre veränderte Umgebung, die Hakenkreuzfahnen in ihrer Straße, sich selbst bei der Zwangsarbeit.

Mut, Liebe und Ohnmacht

Daneben gibt es aber Bilder vom Mut und der Entschlossenheit sich nicht unterkriegen zu lassen, jeden noch verbliebenen Freiraum zu nutzen. Die Familienmitglieder reisen viel, bis sie 1941 nicht einmal mehr die Stadt verlassen dürfen. Sie ziehen sich in die Natur zurück, schließen sich jüdischen Sportvereinen an, bis diese auch verboten werden. Und sie verlieben sich. Eppi lernt Bozka kennen, die ihn bedingungslos unterstützt, als er zeitweise untertaucht um der Deportation zu entgehen. Im Laufe des Jahres 1941 heiraten die drei anderen. Ein Jahr später wird die Familie auseinandergerissen. Vater Josef stirbt an den Folgen der Zwangsarbeit.
Briefe von Ilse aus dem Rigaer Ghetto
Erich und seine Frau Ilse werden nach Riga deportiert, wo beide im Ghetto ums Leben kommen. 1943 schließlich werden Bubi und Ulli mit ihren Frauen Lisa und Ruth nach Theresienstadt gebracht.

Mutter Elsa und Eppi, dem es mit Glück gelingt, der Verfolgung zu entgehen, versuchen sie zu unterstützen und schicken trotz der schlechten Versorgungslage fast täglich Päckchen. Als die Brüder und Schwägerinnen nach Auschwitz weitertransportiert werden, können die in Berlin Verbliebenen nichts mehr tun. Lisa wird in Auschwitz ermordet, Ulli und Bubi in einem Außenlager des KZ Dachau. Nur Ruth kehrt nach Hause zurück. Als sie Ende 1945 vom Tod ihres Mannes erfährt, beschließt sie in die USA auszuwandern.

Eppis Erinnerungen

Den Erinnerungen, die Eppi kurz vor seinem Tod 1992 aufschreibt, gibt er den Titel "Die ‚Endlösung‘ hat uns eingeholt". Damit die Geschichte seiner Familie nicht irgendwann vom Vergessen eingeholt wird, vermacht er die vielen Zeugnisse, die Briefe, Fotos und Dokumente dem Haus der Wannsee-Konferenz.