"Eine ganz normale Familie"

"Wir hatten kein grundverschiedenes Auftreten, keinen grundverschiedenen Lebenswandel, kein grundverschiedenes Aussehen, keine ungewöhnlichen Eigenschaften! Hatten keine Hakennasen! Keine Plattfüße!"

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Joseph Chotzen, genannt Eppi, beschreibt seine Eltern und Brüder in seinen Erinnerungen als eine ganz normale Berliner Familie. Sein Selbstverständnis ist während seines Erwachsenenlebens unreligiös: er fühlt sich nicht als Jude, er wurde zum Juden gemacht. Er leidet zeitlebens unter dieser Zuschreibung.

Vater Josef und Mutter Elsa führen ein Wäschegeschäft. Mit ihrer Heirat tritt die protestantische Elsa 1914 zum Judentum über und beschäftigt sich eingehend mit der für sie neuen Religion. In ihrer religiösen Ausrichtung ist die Familie Chotzen liberal und feiert die wichtigsten Feste beider Religionen. Eppi erinnert sich, dass er und seine Brüder lediglich in sehr jungen Jahren „religiöse Phasen“ hatten. Er selbst fühlte sich nicht als deutscher Jude, sondern als kosmopolitischer Kommunist.

Unbeschwerte Jugend

Die vier Söhne - Eppi, geboren 1907, Hugo-Kurt, genannt Bubi (1915), Erich (1917) und Ullrich (1920) - wachsen unbeschwert im bürgerlichen Wilmersdorf auf. Sie sind begeisterte Sportler, spielen Hockey, Hand- und Fußball im Verein.
Ulli, Erich, Bubi und Eppi (von unten rechts nach oben links) um 1928 am Fenster ihrer Wohnung in der Johannisberger Straße 3.
Eppi kann sich an keine Besonderheiten im Umgang mit den Nachbarn erinnern; die Familie Chotzen ist bekannt und geschätzt.

Fünf Alben der fotografiebegeisterten Söhne zeigen den Berliner Alltag der 1920er Jahre, in denen Eppi als Kaufmann in die Lehre geht und sich in Gewerkschaften engagiert, die Brüder die Schulbank drücken und den Sportplatz - wie Eppi sagt - zu "einer Dependance [ihrer] Wohnung" machen.

Ausgrenzung und Schikanen

1933 beginnt die Diskriminierung und Ausgrenzung aller Juden, auch derjenigen, die einen jüdischen und einen christlichen Elternteil haben. Vater Josef verliert 1936 seine Arbeit, Eppi wird im Sommer 1933 für zwei Wochen inhaftiert und ebenfalls arbeitslos. Mutter Elsa kann nur noch mit besonderen Lebensmittelkarten zu besonderen Zeiten einkaufen. Jeden Tag gibt es neue Schikanen, wird die Familie weiter ausgegrenzt. Sie müssen ihren Sportverein verlassen. Erich und Ulli werden gezwungen, noch vor dem Abitur von der Schule zu gehen. Während Erich und Bubi eine kaufmännische Ausbildung in der Textilbranche machen, beginnt Ullrich in der Baugewerkschule, wird aber dann nicht zur Prüfung zugelassen.

Ab 1939 müssen Vater Josef und alle vier Brüder Zwangsarbeit leisten. Die Brüder dokumentieren in ihren Fotos ihre veränderte Umgebung und sich selbst bei der Zwangsarbeit.

Mut, Liebe und Ohnmacht

Daneben gibt es aber auch Bilder vom Mut und der Entschlossenheit, sich nicht unterkriegen zu lassen und jeden noch verbliebenen Freiraum zu nutzen. Die Familienmitglieder reisen viel, bis sie 1941 nicht einmal mehr die Stadt verlassen dürfen. Sie ziehen sich in die Natur zurück, schließen sich einem jüdischen Sportverein an, bis auch dieser verboten wird. Und sie halten zusammen.

Eppi und seine Freundin Bozka kennen sich schon seit 1928, beschließen aber wegen Eppis politischer Tätigkeit, nicht zu heiraten. Auch ohne Trauschein hält Bozka Eppi unverbrüchlich die Treue und unterstützt die Chotzens vorbehaltlos. 1933 besorgt sie für Eppi ein Versteck in Wernsdorf, um ihn vor der Deportation zu bewahren. Aber schon im Sommer desselben Jahres finden ihn die Nazis dort und nehmen ihn fest.

Im Laufe des Jahres 1941 heiraten die drei anderen Brüder. Ein Jahr später wird die Familie auseinandergerissen. Vater Josef stirbt im Januar 1942 an den Folgen der Zwangsarbeit.
Ilses Briefe, die sie aus Riga nach Hause schmuggeln kann, zeugen von Hunger und Verzweiflung. Hier ein Brief vom August 1942.
Erich und seine Frau Ilse werden im Januar 1942 nach Riga deportiert, wo beide im Ghetto ums Leben kommen. Ilse hat es dort noch geschafft, etliche Briefe nach Berlin zu schicken. Ende Juni 1943 schließlich werden Bubi und Ulli mit ihren Frauen Lisa und Ruth nach Theresienstadt gebracht.

Mutter Elsa und Eppi, dem es mit Glück gelingt, der Verfolgung zu entgehen, versuchen sie zu unterstützen und schicken trotz der schlechten Versorgungslage fast täglich Päckchen. Als die Brüder und Schwägerinnen im September und Oktober 1944 nach Auschwitz weitertransportiert werden, können die in Berlin Verbliebenen nichts mehr tun. Lisa wird in Bergen-Belsen ermordet, Ulli und Bubi in einem Außenlager des KZ Dachau. Nur Ruth kehrt nach Hause zurück. Als sie Ende 1945 vom Tod ihres Mannes erfährt, beschließt sie, in die USA auszuwandern.

Eppis Erinnerungen

Den Erinnerungen, die Eppi nach dem Tod seiner Mutter Anfang der 1980er Jahre aufschreibt, gibt er den Titel "Die ‚Endlösung‘ hat uns eingeholt".

Damit die Geschichte seiner Familie nicht irgendwann dem Vergessen anheimfällt, vermacht er die vielen Zeugnisse - die Briefe, Fotos und Dokumente - dem Haus der Wannsee-Konferenz.